Gemeinschaftskompass

 

Holzhütte

Ein Seminar vom 14.-16.2.2020 im Ökodorf Sieben Linden

Von Silke Soares David

Ein lang gehegter Traum wurde auf einmal wahr: der Besuch des Ökodorfes Sieben Linden. Das Seminar „Gemeinschaftskompass“ war Grund genug dorthin zu fahren. Das Seminar leitete Eva Stützel, Gründungsmitglied des Ökodorfes, das 2017 seinen zwanzigjährigen Geburtstag feierte.

Wer zu Gast kommt wird darum gebeten, eine Taschenlampe mitzubringen und sein Handy auf dem Parkplatz auf den Flugmodus umzustellen oder auszuschalten, denn das sind zwei Regeln an diesem Ort: Es gibt keine Straßenbeleuchtung und Handys werden nur außerhalb des Geländes genutzt. Beides ist wirklich etwas Besonderes in der heutigen Zeit, aber auch recht wohltuend.

Der Gemeinschaftskompass kann gut zur Gründung eines Projektes genutzt werden und Eva Stützel bietet dazu auch mit diesem Tool Projektbegleitung  an.

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Der Gemeinschaftskompass ist sehr stark vom Dragon Dreaming inspiriert, das von den Aborigines her kommt.

Zu Beginn eines Gemeinschaftsprojekts und um Gleichgesinnte zu finden, eignet sich vom Individuum ausgehend die Frage: Was ist die Intention oder das Ziel? Denn so wie die Kultur in der Gründungsgruppe ist, bestimmt das dann das spätere Projekt. Gerade am Anfang ist es gut, Dinge nicht auszuschließen, um den Träumen Raum zu lassen. Danach können wir uns um die Struktur kümmern und die geeignete Rechtsform klären. Eva Stützel warnt allerdings eindrücklich: „Macht nie ein gemeinschaftliches Projekt im Eigentum eines der Mitglieder, denn das kann auch nach zehn Jahren noch Konflikte mit sich bringen.“

Sinnvoll ist hingegen genau hinzuschauen, wer zur Gruppe gehört und wer nicht. Der Kern einer Gruppe sind die Menschen, die verbindlich dabei sind. Man kann sie als Kerngruppe bezeichnen. Dabei ist es besser, wenn es erst eine kleine Gruppe ist, die dann einen Ort sucht. In einer grossen Gruppe fällt der Konsens schwerer.

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Eine wichtige Frage zu Anfang ist: Wie treffen wir Entscheidungen? Zum Beispiel im Konsens (bei dem in der Regel nur Entscheidungen getroffen werden, bei denen es keine Gegenstimme gibt) oder im Konsent zum Beispiel bei der Soziokratie, die uns ebenfalls als Methode zur Entscheidungsfindung ausführlicher vorgestellt wurde.Dabei wird in einem Kreis erstmal ein Thema vorgestellt und in einer Fragerunde erörtert. Dabei kommen in der Runde einer nach dem anderen mit einem Redestab zu Wort. Danach erfolgt eine Reaktionsrunde, gefolgt von zwei Konsentrunden, in denen die Meinungen und Einwände besprochen werden. Als Folge wird ein Beschlussvorschlag formuliert und wenn es keine schwerwiegenden Einwände gibt, wird der Beschluss gefasst. Der Beschluss wird dann gefeiert. Ein Verlaufsprotokoll mit Nennung der Tagesordnungspunkte, dem Inhalt und wer was tut, hat sich dabei bewährt.

Es geht also darum, die Entscheidungsstrukturen zu klären. Weiterhin ist ein gutes Informationsmanagement wichtig, damit die Informationen für alle beteiligten Menschen zugänglich sind und das Feiern, Wertschätzen und Würdigen dessen, was man erreicht hat. „Man kann nicht oft genug wertschätzen, was andere getan haben“, sagt Eva Stützel.

Um eine Gemeinschaft aufzubauen braucht man einen Blick auf all die verschiedenen Aspekte, die im Gemeinschaftskompass genannt sind: Individuen, Gemeinschaft, Intention, Struktur, Praxis, Ernte und Welt. Jede Person bringt verschiedene Stärken und Schwächen mit. Konflikte entstehen meist zwischen Leuten, die verschiedene Stärken haben. Man tut gut daran, mit Differenzen konstruktiv umzugehen. Die Haltung ist dabei das Wichtigste. Was braucht es an Haltung, damit eine Gemeinschaft gelingen kann?

Hier seien nur mal als Beispiele genannt: Der Welt als Lernende begegnen, Selbstverantwortung, Selbsterkenntnis, bewusstes Fühlen, Empathie, Respekt vor den Bedürfnissen anderer, Achtsamkeit, wertschätzender Umgang mit Fehlern und Offenheit für Feedback.

Auch eine Kernaussage, die in einem Satz das Wesentliche ausdrückt und den jeder kennt, ist bedeutsam.

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Ein Traumkreis ist eine interessante Form, um einen gemeinschaftlichen Traum zu erschaffen. Dabei werden in einer Runde nacheinander die Teilnehmer*innen nach ihren Träumen in Bezug auf das Projekt gefragt und jede Person nennt in jeder Runde eine ihrer Träume so lange bis alle Träume gesammelt sind.

Eine gute Idee ist auch, Menschen einzuladen, die vielleicht anders sind als wir, aber trotzdem dem Projekt dienen können. Zur Realisierung einer Gemeinschaft eignen sich je nach Bedürfnislage unterschiedliche Rechtsformen: der Verein, eine GmbH, eine UG, eine Genossenschaft, eine Stiftung, aber weniger eine GbR. Um die richtige Rechtsform zu finden empfiehlt es sich, kompetente Beratung dazuzuholen.

Am Abend sehen wir noch einen schönen Film über die Geschichte Sieben Lindens von 1989 – 2019. Interessant ist dabei, dass sich der Gründer mit der Konzeptidee irgendwann von der Projektgruppe verabschiedet hat. Und dass sie erst einmal an einem nicht sehr weit entfernten Ort klein angefangen haben, bevor sie das Gelände des jetzigen Ökodorfes fanden. Die Ökodorfler haben in den Ämtern Verbündete gesucht, was sich positiv auswirkte dadurch, dass es jetzt legale Bauwagenplätze gibt.

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Eva arbeitet mit Gruppen und passt sich an deren Bedürfnisse, Stärken und Schwächen an. Auf www.gemeinschaftskompass.de ist ein Fragebogen zu finden für alle, die Interesse an ihrer Unterstützung haben, die allerdings nicht kostenlos zu haben ist. Alle Seminarteilnehmer*innen waren am Ende prall gefüllt mit Eindrücken und Informationen, um ihr Gemeinschaftsprojekt in Gang zu bringen oder fortzuführen. Ich kann das Seminar jedenfalls jedem an Gemeinschaft interessierten Gründer empfehlen. Es blieb nur ein Wunsch offen: nach der einstündigen Führung durch das Ökodorf, bei dem die Fotos entstanden sind, noch mehr davon kennenzulernen.

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